…freie Räume und Fläche in der Stadt sind Experimentierfelder für Neues…


10 Jahre Atelierhaus Salzamt – Artists in Residence
…Thekla Rickert, Artist in Residence, Juli 2019

Thekla Rickert, Berlin, war im Juli Artist in Residence im Atelierhaus Salzamt. Sie arbeitet im Öffentlichen Raum und liebt die Herausforderung, im Unvorhersehbaren und aus dem Nullpunkt heraus etwas zu entwickeln. Dort wo es scheinbar keine Lösung mehr gibt, etwas zu stagnieren droht oder Ideen fehlen wird es für sie spannend. In ihrer Arbeit ist der zeitliche Abstand zwischen Etwas aufnehmen und drauf reagieren meistens sehr kurz. Im Öffentlichen Raum, wo sie arbeitet, verlangt es das auch ab. Genauso schnell wie dort etwas entsteht, kann es auch wieder verschwinden.

 

Welche Themen sind Thekla Rickert derzeit am wichtigsten in ihrer Arbeit?

Es beschäftigt mich sehr, was zurzeit in unserer Welt passiert. Besonders in einer Großstadt wie Berlin wird einem die Realität täglich „um die Ohren gehauen“. Das hat auch starken Einfluss auf meine Arbeit, sowohl inhaltlich als auch materiell.
Mich beschäftigen z.B. Fragen wie: Welche Materialien nutze ich? Woher beziehe ich diese? Wie und wo kann ich mich mit meinen Kompetenzen am gesellschaftlichen Wandel beteiligen? Mit wem und für wen will ich arbeiten? Was will ich (mit)teilen?
Die Materialfrage z.B. hat sich für mich bereits Anfang 2000 verändert, als ich anfing auf der Straße zu arbeiten. Zunächst noch in dem ich etwas hinzufügte und mittlerweile nur noch indem ich das nutze, was vorhanden ist, was ich vor Ort auffinde. Das führt mich auch immer wieder zu spannenden Themen. Und da ich die Nachtarbeit von damals auf den Tag verschoben habe auch zu spannenden Begegnungen und Gesprächen mit anderen Menschen.

Wie ist das Verhältnis gesellschaftspolitisches Engagement und Kunst?

Gesellschafts- und sozialpolitisches Engagement und Kunst gehören für mich in meiner Arbeit zusammen. Ich empfinde es als notwendig, das Atelier zu verlassen, auf die Straße zu gehen, etwas sichtbar zu machen und mich zu engagieren.
Als Künstlerin mit subkulturell, aktivistischer Prägung finde ich es wichtig, drauf zu achten, wo und wie ich mich positionieren will.
Deshalb habe ich z.B. vor drei Jahren eine existenzsichernde langjährige Tätigkeit als Auftragskünstlerin (für Wirtschaftsunternehmen) ausgetauscht gegen das Konzipieren und Umsetzen von Kunst- und Kultur-Projekten für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Thekla Rickert über ihre Arbeiten in Linz…

Ich bin während meines Aufenthaltes sehr viel mit dem Fahrrad auf Erkundungstour gewesen und habe dabei fotografisch dokumentiert, was mir aufgefallen ist – auch im Vergleich zu meinem letzten Aufenthalt vor 8 Jahren.

Transforming Places

In der Nähe des Atelierhauses an der alten Stadtmauer habe ich ein Gebüsch entdeckt, ein etwas vernachlässigter versteckter Ort der sich wie eine Höhle von drei Seiten begehen lässt. Hier empfand ich, trotz der angrenzenden stark befahrenen Straße, ein Gefühl von Geborgenheit. Es hat mich inspiriert an diesem Ort etwas zu machen. So habe ich zunächst aufgeräumt und dann mit den Naturmaterialien gearbeitet, Laub-Kreise um die Bäume gestreut. Auf einer Erkundungstour durch das Franckviertel fand ich neben einem Müllcontainer eine große Billa-Papiertüte mit frisch gewaschenen, säuberlich zusammengefalteten Tüchern. Als ich den Inhalt der Tüte im Atelierhaus auf dem Boden ausbreitete, entdeckte ich, dass es Hidschābs, (arabische Kopfbedeckungen) sind. Sofort entfaltete sich daraus eine offene Geschichte. Hatte eine Frau sich vielleicht ihrer Kopfbedeckung entledigt? Was bedeuten diese Tücher für muslimische Frauen und was bedeuten sie für mich, wenn ich trage. Eine mir fremde Kultur entfaltete sich aus dieser Papiertüte. Und eben wegen dieser Wertzuschreibungen inspirierte es mich, die Tücher mit dem gefundenen Ort zu verbinden. Wie können Gegenstände mich zu etwas machen oder auch nicht. Heißt Tücher tragen, sich zu verstecken oder sich zu schmücken oder sich zu wärmen? Niemand muss sich verstecken, weder unter einem Tuch, noch in einem Gebüsch und auch nicht hinter blendenden Fassaden.
Und trotz eines leicht beklemmenden Gefühls, Gegenstände zu benutzen, die für mich einen anderen Wert haben als für die Vorbesitzerin, wollte ich damit etwas im Gebüsch machen, eine mir weitgehend fremden Kultur als Artefakte benutzen.

So stieß meine Installation mit den Tüchern, die ich im Gebüsch geknotet hatte am Abend der öffentlichen Ortbegehung auch auf Kontroversen.
An diesem Punkt wird es für mich spannend. Das ist eine herausfordernde Aufgabe an der wir gesellschaftlich im Moment stehen. Konflikte sind Wendepunkte. Bei einem verantwortungsbewussten Umgang mit ihnen, sind sie eine Chance in den Dialog zu gehen. Unsere Aufgabe jetzt ist, wie es gelingen kann, dass Parallelgesellschaften einander begegnen anstatt eine Mauer der Vorurteile vor sich aufzubauen. So habe ich ein Thema mit nach Berlin-Neukölln genommen, dass mich besonders hier auch weiter beschäftigt.

Zwei weitere Aktionen, die ich umgesetzt habe, sind dagegen eher „leichter Stoff“.

Urban Badening

Bei einer Aktion im öffentlichen Raum ging es darum, persönliche und von außen gegebene Grenzen im Stadtraum wahrzunehmen und diese spielerisch etwas zu erweitern. Dazu habe ich zu einer kleinen Stadteroberungstour eingeladen. Erleben und spüren, wo sind meine Bewegungsgrenzen im Öffentlichen Raum. Hören diese bereits vor der eigenen Haustür auf oder lassen sie sich noch etwas ausdehnen? Wir sind in einer Gruppe mit dem Rad durch die Linzer Innenstadt gefahren, entlang der öffentlichen Wasserspiele und haben diese als Badestätten genutzt. Ein perfektes Spiel für heiße Tage.

Aufsicht

„Aufsicht“ war eine Aktion, die ich gemeinsam mit Dirk Pleyer umgesetzt habe. Uns kam beim Blick aus dem Atelierfenster, auf die gegenüberliegende Donauuferseite die Idee, dass es am Alt-Urfahr-Strand, eine bisher kamerafreie Zone, eine Badeaufsicht bräuchte. Wir haben uns eine Uniform entwickelt mit einem mit „Aufsicht“ bedruckten T-Shirt und sind den Strand entlang patrouilliert. Unsere Präsenz stieß spürbar auf Verwirrung und hatte Wirkung. So fragte mich eine Familienmutter nach dem Weg und eine Sonnenbadende, ob wir vom Magistrat angestellt seien. Im direkten Kontakt haben wir das Geheimnis dann aufgelöst. Sehr zur Erleichterung der Interessierten.


Thekla Rickert und der Öffentliche Raum…

Wichtig ist mir der Erhalt von freien Orten, Räumen und Flächen in der Stadt. Es sind Keimzellen, Labore und Experimentierfelder, wo sich Neues entwickeln kann. Selbst in Berlin, einer Stadt die für ihre Freiräume bekannt ist, verschwinden immer mehr solcher Orte. Immobilien-Investoren verdrängen genau diese Geister, die die Stadt bzw. das Viertel so interessant machen. Auch in Linz habe ich beobachtet, dass seit meinem letzten Besuch vor 8 Jahren, einige dieser Orte weichen mussten und andere bereits im Visier der Investoren sind.

… In diesem Sinne: Mut zur Unordnung!