Geheime Dimension – Eröffnung

Am Mittwoch, 28. November 2012, fand die Eröffnung der Ausstellung “Geheime Dimension” statt. Auch diesmal durften wir uns über regen Zuspruch freuen.

Fotos: Atelierhaus Salzamt

Zur Ausstellung, den KünstlerInnen und Werken:

Das Ausstellungsprogramm im Salzamt wird bis Ende 2013 durch die acht Linzer KünstlerInnen entwickelt, die zur Zeit Ateliers nutzen. Alexander Jöchl lädt für sein Projekt Daniela Wageneder-Stelzhammer als Kuratorin ein, die auch Artists in Residence nach Linz einladen konnte.

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl von Arbeiten internationaler KünstlerInnen. Der Titel Geheime Dimension dient dabei als Rahmen für die einzelnen künstlerischen Positionen. Es ist zunächst eine popkulturelle Anspielung. Dabei bezeichnet geheim hier im Wortsinn etwas, das zwar verborgen, aber dennoch vorhanden ist. Wohingegen Dimension, verstanden als Multiplikator, die Gegenstände nicht nur plus eins erweitert. Die geheime Dimension ist demnach eine nicht sofort ersichtliche Ausdehnung noch unbestimmten Grades hinsichtlich Größe, Zahl und Richtung.

Die einzelnen künstlerischen Positionen untersuchen Phänomene, Gegebenheiten, Oberflächen, Geschichte, Materialien, Bewegung, Mythen, Funktionsweisen oder Proportionen und legen Strukturen frei. Alle Arbeiten beschreiben dabei auf sehr bestimmte Weise Raum und Zeit. Indem sie die einzelnen Parameter dazu verändern, zerlegen und wiederherstellen erzeugen sie eine geänderte räumliche oder zeitliche Wahrnehmung. Es sind Arbeiten, die auf unterschiedliche Weise Denkmuster durchkreuzen, die Wahrnehmung stören und gewohntes in Frage stellen. Sie richten sich damit gegen den ersten Eindruck.

Denn bereits die Bezeichnung als geheim markiert den so bezeichneten Gegenstand und macht ihn auf wundersame Weise sichtbar, wie eine Zäsur von welcher aus nicht mehr zurückgegangen werden kann. Die Geheime Dimension ist eine Ausdehnung innerhalb einer Struktur die sich, wenn sie erstmal entdeckt ist, nicht mehr wegdenken lässt.


Elisa Andessner
Gehen
Video 8’22, 2012

Das Video zeigt Elisa Andessner beim Gehen. Während der Aufnahme nimmt die Geschwindigkeit, mit der die Künstlerin durch das Bild geht kontinuierlich ab. Wohingegen das Abspielen von Video und Ton in der Geschwindigkeit immer weiter zunimmt, so dass jeder Rundgang schlussendlich gleich lang dauert.

Die damit einhergehende Verfremdung steigert sich im Verlauf des Videos zu einer beinahe grotesken Deformation ihrer Bewegung. Diese wird zunehmend unwirklich, beinahe fremd und verzerrt. Die Aufnahmen sind Bewegungsstudien, die unter einem strengen zeitlichen Regime und mit beinahe wissenschaftlichem Setting aufgezeichnet wurden. Es sind Bilder einer über eineinhalb Stunden dauernden Live-Performance. Mittels technischer Nachbearbeitung wurde das Material auf etwas mehr als acht Minuten reduziert.

Das gezeigte Material ist keine Dokumentation einer Performance, sondern erschließt, mit den Möglichkeiten von Video, ein völlig neues Spektrum.


Axel Braun:
PURE LIGHT (reconstitution)
Lichtinstallation

Die Arbeit resultiert aus der Auseinandersetzung mit flüchtigen Phänomenen und dem menschlichen Bedürfnis diese in Bildern fest zu halten. Sie wurden in anderer Form bereits an der École des Beaux-Arts  gezeigt.

PURE LIGHT (reconstitution) ist eine Lichtprojektion, welche mittels eines modifizierten Diaprojektors – in einer speziell für Raum und Ausstellung adaptierten Version – an eine der Wände des Salzamts projiziert wird. Die scheinbar völlig natürliche Erscheinung einer Lichtreflexion löst erst im zweiten Moment Irritation aus. Dabei versucht sie zu keinem Zeitpunkt ihre Herstellung zu verschleiern. Sie zeigt sich mit dem Diaprojektor als ebenso sichtbaren Teil der Arbeit von Beginn an als konstruiert.


Jochen Höller
An vielmehr nahe muß wirklich
Künstlerbuch, 2012

Die Arbeit von Jochen Höller baut auf dem von ihm entwickelten Wittgensteingenerator auf. Eine Maschine, bei welcher der Künstler den gesamten Text des Tractatus logico-philosophicus von Ludwig Wittgenstein in dessen einzelnen Bestandteile zerlegt, um dann mit Hilfe dieser Maschine neue Kombinationen schaffen zu können.

Wittgenstein gilt als Vertreter einer realistischen Bedeutungstheorie. Sätze werden wahr, weil es etwas gibt, das ihnen entspricht. Wittgenstein unterscheidet dabei drei Arten von Sätzen: sinnvolle, sinnlose und unsinnige. Wittgensteins Anspruch durch den Tractatus eine Logik der Sprache und damit auch der Philosophie zu schaffen, wird von Höller auf formaler Ebene aufgegriffen und schematisch bis ins letzte Detail durchstrukturiert. Es geht dem Künstler hierbei ähnlich wie den Philosophen um Sprache und deren Bedeutung. Mit der Zerlegung des Textes in seine einzelnen Bestandteile beschäftigt sich Jochen Höller tiefgreifend und in besonderer Form mit dessen Inhalt.

In der Ausstellung befindet sich nun das Künstlerbuch, welches als eigenständiger Text ausschließlich aus zufälligen Satzkombinationen des Wittgensteingenerators besteht, plus einer tabellarischen Auflistung sämtlicher im Tractatus verwendeter Wörter.

Die Arbeit hinterfragt die Sinnhaftigkeit von Sprache ebenso, wie sie versucht, ein eigenes System zu etablieren.


Alexander Jöchl
Displaced Volume
Temporäre Raumintervention, 2012

Alexander Jöchl beschäftigt sich zunächst mit den räumlichen Gegebenheiten vor Ort. Das Displaced Volume ist das gebaute Gegenstück zur Wandnische dahinter. Die auf dem Passstück aufgebrachten Buchstaben bezeichnen den Gegenstand als Displaces Volume – als versetzten Körper – und sind Titel zugleich.

Alexander Jöchl bedient sich dabei unterschiedlichster Begriffe. Zum einem DisplacedDisplaced Person diente gegen Ende des 2. Weltkrieges als Bezeichnung für Personen ohne Staatsangehörigkeit.

Zum anderen bezeichnet Volumen einen Körper, bezieht sich in Jöchls Arbeit auch auf Musik und Lautstärke. Vor allem vor dem Hintergrund das Musik entgegen ihrer Bestimmung auch als Mittel zur Vertreibung unerwünschter Personen von bestimmten Plätzen und sogar zur Folter eingesetzt wird.

Die Arbeit birgt eine immanente politische Dimension, obwohl oder gerade weil sie sich auf den Raum bezieht, in dem sie gezeigt wird.


Daniel Kemeny
(re)Playmate
Installation, alle 4 Minuten

Daniel Kemeny setzt eine Tennisball-Wurfmaschine ein, mit welcher er einen Tennisball quer durch den Raum schießen lässt. In seiner Flugbahn fliegt der Ball der Decke entlang, von einer Ausstellungswand zur nächsten. Er durchquert den Raum während seiner kurzen Flugzeit völlig lautlos wie ein kosmisches Naturphänomen. Gerade so als dürfte man sich, wenn man es sieht, etwas wünschen. Der zeitliche Abstand zwischen den einzelnen Ballflügen unterstreicht den räumlichen Aspekt der Arbeit, und versetzt die BesucherInnen der Ausstellung in eine Art positive Erwartungshaltung. Beinahe lautlos und unbemerkt läuft dieses Schauspiel im Vier-Minuten-Takt ab.

Die Installation untersucht die räumliche Wahrnehmung des Raumes ebenso, wie es dessen architektonischen Grenzen aufzeigt. Sie stellt eine zeitliche Taktung her, die wie eine Klammer alle vier Minuten die Ausstellung umfasst.


Andreas Kurz/André Tschinder
4:3
Video-Loop, 2012

Die Arbeit von Kurz und Tschinder beschäftigt sich grundsätzlich mit Proportionen des Raumes, dem räumlichen Empfinden an sich und Sehgewohnheiten.

Unmittelbar nach dem Eingang zum Ausstellungsraum ist eine Leinwand aufgebaut, welche die Sicht auf die eigentliche Ausstellung teilweise verstellt. Darauf wird ein Video des leeren Ausstellungsraums projiziert.  Das Video ist im jetzt üblichem 16:9 Format aufgenommen wird allerdings in einer gestauchten 4:3 Version abgespielt. Die Projektionsfläche ist eine Kulisse. Als Einzelbild aufgenommen und als Video abgespielt wirkt der Raum wie eingefroren.

Der im Video eingesetzte Formatsprung bezieht sich auf eine Geschichte, dessen Wahrheitsgehalt in diesem Falle unerheblich ist, die sich rund um den Umbau des Salzamts rankt: Bei den Renovierungsarbeiten von 2006 wurde zur Unterbringung der Haustechnik und für sanitäre Anlagen nachträglich ein Kellergeschoß eingebaut. Dabei, so das Gerücht, wurde der Boden des heutigen Ausstellungsraumes angehoben, und somit die Raumhöhe nachträglich verändert.

 

Kurz und Tschinder stellen eine Analogie zwischen der Veränderung der Raumproportion durch die Renovierung und der Veränderung des Projektionsstandard her. Sie erreichen damit einen zeitlichen Sprung in die Vergangenheit: In die Zeit vor der Ausstellung, also dem leere Raum, in die Zeit vor der Renovierung des Salzamts und – durch das gewählte Format – in eine Zeit, die noch vor dem Bildstandard 16:9 liegt.


Graziele Lautenschlaeger
“De Novo, Ercília”
Soundinstallation, 2012

“De Novo, Ercília” heißt übersetzt „Noch mal, Ercília“ und ist eine interaktive Soundinstallation.  Die BesucherInnen sind eingeladen, diese zu benützen und mit der gebotenen Struktur zu interagieren. Graziele Lautenschlaeger bezieht sich dabei auf ‘Invisible Cities’ des Autors Italo Calvino. In seinem Buch beschreibt Calvino unter anderen die imaginäre Stadt Ercília. In dieser spannen die BewohnerInnen Schnüre von Haus zu Haus, um die Beziehungen wie Verwandtschaftsverhältnisse, Handel, Autorität oder Repräsentanz festzulegen. Wenn es auf Grund zu vieler Schnüre kein Durchkommen mehr gibt, ziehen die BewohnerInnen fort. Die Häuser werden abgebaut. Zurück bleiben die Schnüre und deren Stützen.

Durch das Berühren der Schläuche in Lautenschlaegers Installation löst man unterschiedliche Sounds aus. Zuhören sind Aufnahmen aus Sao Paulo, sowie Textpassagen aus dem Buch ‘Invisible Cities’ und Interviews.

Die Box von Graziele Lautenschläger entführt ihre BenutzerIn aus dem realen Ausstellungsraum in einen aus Sounds generierten imaginären Raum.


Karina Nimmerfall
La Cité (Die Siedlung)
Single Channel HD-Video, 7’53 (2012)

Nach dem Ende der Berliner Luftbrücke im Jahre 1949 wurde der Flughafen Tegel zur militärischen Basis der französischen Armé de l’Air. In den frühen 1950er Jahren begann die französische Armee Wohnsiedlungen rund um die Basis zu errichten: Diese “Mini-Städte” wurden nach dem Vorbild moderner Gartenstädte gebaut und funktionierten völlig autonom. Mit der deutschen Wiedervereinigung und der Deaktivierung der Alliierten wurden diese Siedlungen Anfang der 1990er Jahre von der französischen Armee zurückgelassen und gingen in den Besitz des Bundes über, dessen Pläne einer effizienten Nachnutzung in den meisten Fällen scheiterte.

Cité Foch, errichtet ab 1957 in verschiedenen Bauabschnitten, war mit mehr als 780 Wohneinheiten, einem großen Einkaufs- und Freizeitzentrum sowie eigenen Schulen und Kindergärten nicht nur die größte dieser Wohnanlagen, sondern wurde auch als Horchposten des französischen Geheim- und später des Bundesnachrichtendienstes benutzt. Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Renovierung der Wohnungen für Bundestagsbedienstete aus Bonn (die dort nie einzogen), wurde der Einkaufs- und Freizeitkomplex an einen privaten ausländischen Investor verkauft. Von diesem seit fast zwei Jahrzehnten vernachlässigt steht dem Bau – in der Zwischenzeit komplett verlassen und baufällig – eine ungewisse Zukunft bevor. Bezug nehmend auf die Geschichte und Politik des urbanen Raums beschreibt La Cité zwischen Dokument und Fiktion, Oral History und Urban Myth, die im Laufe der Zeit veränderten räumlichen Konfigurationen und ihre verschiedenen Ebenen und Einschreibungen, sowie deren Bedingungen in einem System von kulturellen und ideologischen Vorstellungen.


Eva-Maria Raab
space invasion Melbourne / MEL
space invasion Vienna / VIE
space invasion London / STN
Farbfotografie, c-print
jeweils 152 x 96 cm (2012)

Die Bilder von Eva-Maria Raab sind während des Start- bzw. Landeanfluges entstandene zeitversetzte Städteansichten. Das Interesse der Künstlerin gilt dabei sehr konkret dem Raum über dem Boden. Wie sieht dieser aus? Und wie unterscheiden sich Lufträume voneinander? Luftraum ist zwar staatliches Territorium, jedoch weniger mit nationalen Zuschreibungen besetzt und aufgeladen als der Boden.

Die Fotografie wird oftmals als ein reines Medium zur Abbildung angesehen. Sie trägt dabei die Bürde, bestimmte Augenblicke festhalten zu können. In der Amateurfotografie gehören Aufnahmen aus dem Fenster eines Flugzeuges beinahe zum Standardrepertoire. Diese sind fest im Bildgedächtnis verankert, werden aber meist vom Zufall diktiert.

Die Bilder von Eva-Maria Raab halten jedoch keinen Moment fest. Die Künstlerin nimmt eine Vermessung des Luftraumes vor, indem sie mehrere Zeitabschnitte auf eine bildliche Ebene bannt.

Die dabei entstanden  Aufnahmen sind mit gehörigem Aufwand verbunden, der z.B. sicherstellt, dass Abflug und Landung zeitlich richtig fallen. Es muss geklärt sein, um welchen Flugzeugtyp es sich handelt, um die bestmögliche Platzwahl treffen zu können. Und schließlich muss klar sein zu welcher Jahreszeit am jeweiligen Ort die größte Wahrscheinlichkeit von bestimmten Wetterverhältnissen gegeben ist.

Die Aufnahmen vermitteln den Eindruck einer Gleichzeitigkeit, die so nie gegeben ist. Sie bieten Irritation durch die aufs Bild gebrachte zeitliche Verschiebung und sind weit vom Zufall entfernt.

Kuratorin: Daniela Wageneder-Stelzhammer