Gottfried Binder – Artist in Residence

 

Gottfried Binder, als Gast der Kunst-Universität in Linz, beschreibt seine Arbeit im Rahmen des Projekts “Atelier de Recherche: mobiles künstlerisches Forschungsatelier zum Thema Künstlerische Praktiken”

 

Im Workshop “Atelier de Recherche: mobiles künstlerisches Forschungsatelier zum Thema Künstlerische Praktiken” wollen wir je nach Bedürfnissen oder Vorlieben der Schülerinnen und Schüler thematisch (einzeln, in Paar- oder Gruppenarbeit) ein künstlerisches Porträt der Alltagspraktiken der Teilnehmenden anfertigen.

Ich arbeite schon seit einiger Zeit mit den Formaten Workshop, Lehre und Präsentation in meiner künstlerischen Arbeit. Nachdem ich zuletzt als Kunst- und Ethik-Lehrer in Deutschland gearbeitet hatte, verstehe ich mich seit 2017 als nomadischer “travelling artist”, d.h. ich habe keinen festen Wohnsitz und verbringe die meiste Zeit im Rahmen von Projekten und Residencies mobil.

Meine Rolle hier in diesem Fall ist dabei eine vermittelnde, denn ich stehe als Brücke zwischen dem Seminar der Kunstuniversität Linz “Nomadisches Atelier de Recherche” von Prof. Dr. Amalia Barboza und meiner eigenen Biographie. Ich stamme selbst aus einem sogenannten Arbeiter*Innen-Haus und habe Migrationshintergrund mit der Übersiedlung von Rumänien nach Deutschland. Ich denke, ich kann mich gut in die Perspektiven und die Alltagsrealitäten der Teilnehmenden hineinversetzen. In meiner Familie bin ich der einzige, der studiert hat und ich weiss, wie exotisch und fremd, nutzlos und riskant sich ein Kunststudium des Kindes für viele Familien zeigt.

Es ist ein grosses Privileg überhaupt kostenlos schulisch gebildet zu werden, jedoch ist der Lebens- und Bildungsweg vieler Schülerinnen und Schüler schon aufgrund ihrer sozialen, ethnischen oder finanziellen Umstände krass vorgezeichnet, d.h. es gibt soziale Bildungsgerechtigkeit und Durchlässigkeit meist nur abstrakt als Verwaltungsakt, denn die Realität zeigt wie wenigige Kinder von Arbeiter*Innen, Migrant*innen oder Alleinerziehenden einen höheren Bildungsabschluss erlangen. Gerade diese Persönlichkeiten dürfen die Kunstuniversitäten nicht aus dem Blick verlieren und verbinden die künstlerische Eignung daher nicht mit akademischen Vorleistungen.

Der Workshop soll die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler der Mittelschule 1 Haid dazu ermutigen, künstlerische Praktiken als wichtige Werkzeuge der eigenen Lebensführung und Ausdrucksweise zu verstehen und andererseits ihnen die Scheu vor einem möglichen Studium an einer Kunsthochschule nehmen und vorhandene Barrieren abbauen. Jene Jugendliche, welche keine Matura anstreben, sollen für die vorhandenen Möglichkeiten eines Kunststudiums sensibilisiert werden und mittels des kompakten Workshops direkten Kontakt dazu erhalten.

Im Verlauf des Workshops erstellen wir ein Buch mit Ergebnissen der verschiedenen Inhalten und Praktiken.  Es gibt dabei keine Grenzen, weder inhaltlich noch visuell. Einige fühlen sich dabei wohler, Fotos zu machen, andere schreiben vielleicht lieber einen kurzen Text und wieder andere zeichnen einen Comic oder befragen ihre Familie zu einem bestimmten Thema als Interview. Mithilfe von Beobachtung, Vergleich, Kritik und Korrektur finden wir gemeinschaftlich einen mittleren Weg. Die Etappen der Erstellung der Publikation sollen Techniken der Produktion, der (Selbst-)Kritik und Korrektur, der Präsentation und der gesellschaftlichen Rahmung widerspiegeln.

 

Gottfried Binder über den Gestaltungs-, Arbeitsprozess…

Das Forschungsatelier wird lokal an der Schule in Haid mit vier Klassen an insgesamt zehn dreistündigen Terminen Mai bis Juni 2021 umgesetzt. Als Grundlage und wichtiger Input sind die Inhalte des Projektes “Nomadisches Atelier de Recherche” von Amalia Barboza von Anfang an in den Gestaltungsprozess eingeflossen. Zu Beginn standen lediglich das Endformat und die Präsentationsmöglichkeiten fest: ein physisches Buch ähnlich eines Fanzines mit den Workshopergebnissen im Rahmen der Kunstuni Linz präsentiert.

Das Magazin steht dabei als Synonym des Alltäglichen, als Vermittlung globaler Ereignisse und dem Küchentisch, als Zwitter von Aktualität und Überholung/Veraltung, gerade noch top-aktuell im nächsten Moment schon veraltet. Das Endprodukt zeigt über verschiedene Etappen in Form spielerischer Annäherungen die individuellen Fähigkeiten und Interessen der Schülerinnen und Schüler und deren Vorstellungen von künstlerischer Praxis.

Der Gebrauch und die Reflexion über die direkten Ergebnisse führen zu einer erweiterten Bedeutung: einer sozialen Bedeutung als individuelles Statement des DIY (Do–It–Yourself) einer industriellen Uniformität entgegengestellt. Dieser Ansatz soll das Verständnis von einem erweiterten Kunstbegriff ermöglichen und die Jugendlichen gezielt darin ermutigen, ihre kreativen Alltagspraktiken als wertvolle Beiträge zu einer vielfältigen und diversen Kunstwelt zu verstehen.

Der Workshop an der Mittelschule in Haid ist eine schöne Erweiterung einiger vorheriger Projekte und Arbeiten. Schon während des Studiums hatte ich Workshops für Studierende organisiert und für Jugendliche angeboten. Dann habe ich nach dem Kunststudium praktisch als Lehrer für Kunst und Ethik in Dresden gearbeitet. Danach als Workshopleiter in lokalen Schulen für ein Projekt im Rahmen einer Europäischen Kulturhauptstadt und als Kursleiter im Bildungszentrum Nürnberg. Dann kam Corona und erstmal war alles ganz schön lang gestoppt.
Umso mehr freue ich mich, dass dieses Projekt auch für mich eine Erneuerung der interdisziplinären Arbeit zwischen verschiedenen Kunstbegriffen darstellt.

 

Künstlerische Schwerpunkte…

Ich musste und konnte mich nie für ein Medium entscheiden. Hauptsächlich suche ich während des Arbeitsprozesses nach der geeigneten Ausdrucksweise: das kann dann eine Textarbeit, ein Video, eine Recherche oder eine Zeichnung sein. Ich mag es, dann immer auch möglichst einfach zu arbeiten und eine minimalistische Umsetzung zu finden. So arbeite ich viel mit Resten, Zufällen und Fehlern, mit einfachen Zeichnungen (klassisch mit Stift und Unterlage oder auch viel digital am iPad) und Konzepten oder mit möglichst simplen Geräten. Meistens endet das Ganze dann in sowas wie einem Buch oder einer kleinen Publikation.

Neben der künstlerischen Arbeit und dem Anfertigen von Sachen, sind bei mir Publikationen in Ausstellungskatalogen, Künstlerbüchern und Magazinen und Kooperationen mit kuratorischen Teams und Institutionen weitere Schwerpunkte. Tätig bin ich dabei in unabhängigen künstlerischen Projekten, als Kurator und als freier Künstler und Philosoph; die Pre- und Postproduction quasi. Forschend interessieren mich popkulturelle Phänomene, Theorie und Geschichte künstlerischer Medien, vor allem zeitbasierter Film– und Videokunst und in letzter Zeit verstärkt das Thema Kulturerbe. Momentan arbeite ich an einem Katalog meiner Arbeiten – gottfriedbinder.de